Mit den schottischen Highland Games findet im Sommer jedes Wochenende eine Mischung aus traditionellem Sportfest und moderner Hüpfburg-Kirmes statt
„Ah! Endlich kann ich meine Hose ausziehen!“ Alan Torrance, der Mann mit dem rotesten Haar der Welt, fasst sich unter den karierten Kilt und zieht mit einem erleichterten Seufzer eine schwarze Radlerhose hervor. „Bei den Wettkämpfen fliegt einem so oft der Rock hoch – aber unten ohne zu gehen, ist einfach angenehmer.“ Er hat gerade an einem Wettkampf der Highland Games im schottischen Blair Atholl teilgenommen. Vormittags, als die örtlichen Männer ihre Kraft beweisen durften, bei geheimnisvoll klingenden Disziplinen wie Caber Toss oder Tug of War. Als die weitläufige Wiese, die nun als Parkplatz dient, noch nicht voller Autos stand und die Fressbuden und Marktstände noch mit dem Aufbau beschäftigt waren.
Jetzt scheint die Mittagssonne auf die Menschenmenge, die vor dem Blair Castle herumspaziert oder von einem Grashügel aus die kreisrunde Wettkampfarena beobachtet. Hier machen sich jetzt die Profis warm, ein Dutzend Männer zwischen 20 und 40 mit Oberarmen wie Bierfässer und Schenkeln so dick wie zwei Öltanks. Mit kurz geschorenen Haaren, Kilts und weit geschnittenen T-Shirts mit Werbeaufdrucken stehen sie vor David Martin, dem 11. Duke of Atholl. Der Herzog ist Chef des örtlichen Clans und pflegt gerade das Eröffnungsritual. Ein altes Schwert und einen Schild hebt er hoch und dreht sich damit in alle vier Himmelsrichtungen. In der aufblasbaren Hüpfburg kreischen derweil die Kinder.

Die Atholl Highlanders - Europas letzte Privatarmee, bestehend aus Lehrern, Familienvätern, Braumeistern
„Der Gesamtsieger wird heute das Schwert und den Schild mit nach Hause nehmen dürfen“, erklärt Alan. Dazu gebe es ein kleines Preisgeld. „Die vier Windrichtungen stehen für das weite Umland, aus dem früher die Highlander zu den Gatherings, also der Vorstufe der Games gekommen sind“, erklärt Alan weiter. Er selbst hat heute Morgen nur zum Spaß mitgemacht bei den Highland Games, die – wie fast alles in Schottland – eine Mischung aus Tradition und aufgesetzter Folklore sind. „Nach der verlorenen Schlacht von Culloden 1746 und der ethnischen Säuberung der Highlands durch die englischen Truppen war es erst Königin Victoria, die im 19. Jahrhundert wieder Gefallen an Schottenkaros und Dudelsackmusik fand“, erläutert Alan – und spricht dabei tatsächlich so druckreif. Mit ihrem romantischen, von Sir-Walter-Scott-Büchern beeinflussten Blick habe sie das heutige Bild von Schottland geprägt.


