Christoph Koch

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Wie wird man eigentlich … Entwicklungshelfer, Rupert Neudeck?

Posted by christophkoch - 27. September 2004

Rupert Neudeck, 64, gründete 1979 mit Hilfe von Heinrich Böll und Franz Alt die Hilfsorganisation „Cap Anamur“ und war jahrzehntelang ihr Vorsitzender. Mit dem gleichnamigen Schiff rettete er Tausenden von Flüchtlingen das Leben, jetzt hat er die Organisation verlassen und eine neue gegründet – die Grünhelme. Mit dieser an Kennedys „Peace Corps“ erinnernde Gruppe will der gläubige Katholik und dreifache Vater junge Christen und Muslime durch gemeinsame Hilfsarbeit zusammenführen.

Rupert Neudeck

Lebensretter: Rupert Neudeck

Im Grunde ist bereits meine Kindheit entscheidend gewesen für meine Tätigkeit als Entwicklungshelfer. Als Sechsjähriger befand ich mich mit meinen Eltern auf der Flucht von Danzig nach Westen. Im Januar 1945 kamen wir in Gdingen an, das heute Gdynia heißt, damals aber noch den Nazi-Namen Gotenhafen trug. Wir kamen zwei Stunden zu spät, um das Schiff „Wilhelm Gustloff“ zu erreichen, das uns in die Freiheit bringen sollte, statt dessen dann aber in den Fluten der Ostsee versank. Wer zu spät kommt, den belohnt manchmal also doch das Leben. Die Erinnerungen an das Flüchtlingselend und die grausamen Bilder begleiten mich bis heute. Und da uns Deutschen nach dem Krieg so geholfen wurde, habe ich das als Verpflichtung gesehen, später anderen Menschen zu helfen, die dringend Hilfe und Unterstützung nötig haben.

Am 9. August 1979 lichtete der Frachter „Cap Anamur“, den wir gechartert hatten, die Anker. Vorher hatte ich über Sartre und Camus promoviert und bei der katholischen Funk-Korrespondenz als Fernsehkritiker gearbeitet. Auch während meiner Zeit bei „Cap Anamur“ habe ich als Journalist beim Deutschlandfunk weitergearbeitet, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen, denn die Arbeit als Entwicklungshelfer war stets ehrenamtlich. Bis 1982 haben wir mit der „Cap Anamur“ genau 9.507 (größtenteils vietnamesische) Bootsflüchtlinge noch naß aus dem Südchinesischen Meer gefischt. Danach ging es um Hilfe für die Menschen in den ärmsten Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas – hauptsächlich in Zusammenarbeit mit Ärzten und Medizinern. Entwicklungshilfe klingt immer nach trostloser Arbeit voller Entbehrungen. Aber sie kann auch sehr viel Freude machen. Wenn es einem gelungen ist, mit einer Regelwidrigkeit, die niemandem geschadet hat, vier Tonnen Medikamente auf den Köpfen von 300 Sudanesinnen nach drei Tagen Fußmarsch bis zu einem Hospital in den Nuba-Bergen zu bringen, das macht Spaß, das macht glücklich.

Einen anderen wahnsinnig schönen Moment erlebte ich auf der „Cap Anamur“. Wir waren im Südchinesischen Meer unterwegs, plötzlich war einige Millimeter über dem Horizont ein Punkt zu sehen, der größer und größer wurde. Näher und näher kommend sahen wir dann, daß es ein völlig überladenes Flußboot mit 118 Vietnamesen an Bord war. Die Menschen saßen darin wie in einer Sardinenbüchse, hatten drei Tage und Nächte ihre Beine und Glieder nicht mehr bewegt und konnten die Strickleiter nicht mehr besteigen, sie mußten alle über die ausgefahrene Plattform unseres Frachters an Bord geholt werden. Die Gesichter dieser Menschen zu sehen, die im letzten Moment gerettet wurden, und dies nur deshalb, weil Millionen meiner Landsleute das Geld dafür gespendet hatten, ist ein unwiederbringliches Erlebnis. Aber natürlich gibt es Rückschläge, die man als Entwicklungshelfer einstecken muß. Die schlimmste Niederlage war wohl die Zerstörung eines Kinderkrankenhauses in Grozny mitten am Minutkaplatz durch die Russische Armee und die Blockade von Helfern, die dort nicht mehr hindürfen. Das geschah vor drei Jahren, und bis heute dürfen die Ärzte und Krankenschwestern ihren Dienst dort nicht aufnehmen. Wenn uns und den anderen Helfern am Flughafen in Moskau die Visa ungültig gestempelt werden, mit einem sichtbaren Behagen des Beamten, und wir zurückgeschickt werden nach Berlin, Köln oder Frankfurt, dann enttäuscht mich das sehr und zeigt mir: Diese Welt ist wirklich nicht ganz bei Trost.

„Diese Welt ist wirklich nicht ganz bei Trost.“

Ich werde oft gefragt, was mir die Kraft gibt, nach solchen Rückschlägen nicht zu verzweifeln. Die Antwort ist eigentlich sehr einfach: Der Glaube an Jesus Christus ist für mich die alles entscheidende Grundlage für das, was ich tue. In dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter, der dem Men-schen in Not bedingungslos hilft, ist eigentlich alles gesagt. Der Glaube kann uns auch helfen, die Mehrheit der Menschen in der sogenannten dritten Welt besser zu verstehen. Für sie ist ein Leben ohne einen transzendenten Gott nicht möglich, sie können den Westler nicht verstehen, der behauptet, er mache das alles ohne Gott, Jahwe oder Allah. Auch bei der Konfrontation mit dem Unglück, dem Elend, dem Leid und dem Tod hilft mir mein Glaube natürlich sehr. Aber da ist noch etwas anderes entscheidend: Das Unglück und die Masse von zerhackten oder zerfetzten Leichen und die angsterfüllten Augen von Kindern daneben zu sehen, das hält man nur aus, wenn man sich sofort fragt: Was kann ich hier tun oder organisieren? Welches Flugzeug mit 40 Tonnen Kapazität muß auf dem benachbarten Flugplatz landen, welche Medikamente und welches Equipment müssen wir hierher schaffen und wie bekomme ich das in fünf Tagen hin? Aber Entwicklungshilfe findet keineswegs immer nur unter unzumutbaren Bedingungen in fernen Ländern statt. Jeder gute Helfer hat seine festen Wurzeln hier in Deutschland, in seiner Stadt. Er muß wissen, daß hier in Deutschland jemand auf ihn wartet. Er muß seinen Beruf hier gern tun, damit er ihn dann vor Ort gut tun kann. Aussteiger sind für diese Arbeit verkehrt. Ich bin auch immer wieder hier, etwa ein Drittel des Jahres, um meine Basis zu aktivieren, die Spender zu motivieren und um dafür zu sorgen, daß das Elend der Menschen in der Ferne nicht in Vergessenheit gerät.

So ein unsteter und oft gefährlicher Beruf belastet natürlich die Familie. Meine Frau Christel Neudeck arbeitet ja mit mir zusammen, nur daß sie eben von zu Hause aus alles organisiert. Trotzdem ist sie mit Haut und Haaren bei der Sache. Wir haben uns lange Zeit große Sorgen gemacht, daß wir unsere drei Kinder vernachlässigen. Die sind jetzt alle drei aus dem Haus und sagen uns, daß das Gegenteil richtig ist und wir im entscheidenden Moment dagewesen sind. Vor etwa einem Jahr habe ich die Organisation „Cap Anamur“ in andere Hände gegeben. Aber mich aus der Entwicklungshilfe zurückzuziehen, kommt für mich noch nicht in Frage. Im April dieses Jahres habe ich die Organisation „Die Grünhelme“ gegründet. Das ist eine Gruppe von verschworenen, ehrenamtlich arbeitenden Bauhandwerkern und Technikern, sowohl Christen als auch Muslime, die guten Willens sind und den Kampf der Religionen vermeiden wollen. Wir wollen Christen, die sich nicht treffen dürfen und keinen Raum zum Beten haben, eine Kirche bauen. Genauso wollen wie da, wo es Muslimen verwehrt ist, sich am Freitag zum Gebet in einem Gebäude zu treffen, eine Moschee bauen. Dazu kommt der Aufbau von Wasserversorgung, Bewässerungskanälen, Häusern, Schulen, Ambulanzen.

Mein größter Wunsch für die Zukunft wäre, zehn Jahre in einem Dorf in Tschetschenien zu leben und am Wiederaufbauprozeß dieses Landes teilzunehmen. Aber der Krieg tobt dort noch so stark, daß es niemand für möglich hält, daß er vor der Vernichtung aller Tschetschenen zu einem guten Ende kommt. Was ich mir für die Menschen dort wünsche, ist ein schneller Waffenstillstand und Frieden.

Weitere Informationen unter:
www.gruenhelme.de
www.cap-anamur.org

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeiger
Foto: gruenhelme.de

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Eine Antwort to “Wie wird man eigentlich … Entwicklungshelfer, Rupert Neudeck?”

  1. toller Beitrag…

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