Christoph Koch

Wollt grad sagen.

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Die reale Rechtschreibreform

Posted by christophkoch - 2. August 2005

Wie wir wirklich schreiben

Egal, wie viele Gremien noch tagen, egal welche Bundesländer ausscheren und egal, wie sich die Kultusminister letztlich entscheiden: Die wahre Rechtschreibreform findet schon längst statt – im Internet und auf den Handydisplays.

Groß- und Kleinschreibung

Die T9-Worterkennung im Handy kann leider Hauptwörter nicht von Verben unterscheiden – deshalb wird in SMS bis auf den Satzanfang alles klein geschrieben. „Die Großschreibung von Hauptwörtern kennen nur wenige Sprachen außer dem Deutschen. Aber wir arbeiten gerade an einer Lösung für dieses Problem“, verspricht Lisa Nathan, Produktmanagerin der T9-Software. Besitzer von Nokiahandys haben dieses Problem nicht, denn ihre Geräte schreiben SMS komplett in Großbuchstaben. Das sollte man wiederum im Internet schön bleiben lassen, denn in Chaträumen und Foren wird permanente Großschreibung als Schreien aufgefasst – und dementsprechend wenig goutiert.

Zeichensetzung

Grundsätzlich gilt die Zeichensetzung auch beim SMS-Schreiben, da aber 160 Zeichen sehr wenig sind, wird an den Kommata (oder den folgenden Leerzeichen) am ehesten gespart. Bei E-Mails hat sich wiederum die Regel „Ach, ich setz die so nach Gefühl“ durchgesetzt.

Sonderzeichen

Das wichtigste Sonderzeichen im Internet ist das Sternchen – denn es ermöglicht die Verschriftlichung von Gefühlen: *lach*, *wütendsei* oder *verschämtwegschau* bedeuten, dass der Schreibende gerade genau das tut, was er zwischen den Sternchen schreibt. Dass er dabei nicht unbedingt intelligent rüberkommt, scheint dem Autor in den meisten Fällen egal zu sein.

Eine andere Form der Sonderzeichen sind die ;-) Smilies oder ganz allgemein Emoticons. Durch die Allgegenwart des symbolischen Zwinkerns ist Ironie ohne solche Zeichen mittlerweile unmöglich geworden. Und kann zu handfesten Missverständnissen führen („Warum hast du denn dann keinen Smilie dahintergemacht, wenn es nur ein Scherz war, dass du dich verspätest, weil du deiner Mutter beim Crack-Aufkochen helfen musst?“)

Synonyme

Die Worterkennung der Handys schlägt beim SMS-Tippen automatisch das Wort vor, das ihr am wahrscheinlichsten erscheint. Leider ist das nicht immer das, was derjenige sagen wollte. Gerade unter Alkoholeinfluss werden deshalb gerne neue Synonyme in die Welt gesetzt: „Gute Macht/Nacht!“, „Bring eine Packung Adorno/Benson mit!“ oder „Ich meine/nehme die Echse/Fähre“.

Abkürzungen

Beim SMS-Schreiben ist zur Zeichenersparnis alles erlaubt, was gerade noch verständlich ist. „Dude! Danke f d Zirkuselef! Bring ihm grd bei, auf Discokugel z balancieren. Ach ja: Irgjmd ist d Cousine v Liv Tyler, ich hab verg, wer es war. Lg!“ Wenn irgendwo Sprache neu erfunden wird, dann hier. Im Internet haben Computerfreaks das Abkürzungswesen amtlicher reglementiert als es eine Behörde jemals vermocht hätte. In seitenlangen Verzeichnissen kann der interessierte Chatneuling die Kürzel von „LOL“ (laughing out lout) bis zum Trekkiegruß „LLAP“ (live long and prosper) nachlesen, auswendig lernen oder als Tapete neben den Computer hängen.

Text: Christoph Koch
Erschienen in: Süddeutsche Zeitung

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Eine Antwort to “Die reale Rechtschreibreform”

  1. […] Die reale Rechtschreibreform – wie SMS und Internet unseren Schreibstil verändern […]

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