Christoph Koch

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Wie wird man eigentlich … Glücksbote, Herr Willers?

Posted by christophkoch - 13. Dezember 2007

Wo auch immer er an der Tür klingelt – Bernd Willers, 55, ist überall ein gern gesehener Gast. Denn er informiert die Gewinner der Westdeutschen Lotteriegesellschaft (Westlotto) über die Höhe ihres Gewinns – und berät sie, wie sie mit dem vielen Geld am besten umgehen.

Offiziell nennt man meinen Beruf ja „Gewinnerberater“. „Glücksbote“ klingt so märchenhaft, dabei geht es ja um ganz reales Geld – und darum, wie es das Leben von Menschen urplötzlich verändern kann. Nach der Schulausbildung habe ich eine Lehre bei einer großen Bank mit Abschluss als Bankkaufmann gemacht, und danach ein BWL-Studium absolviert. Die Anstellung bei West-Lotto war meine erste Berufstätigkeit, ich bin dort inzwischen seit über 30 Jahren tätig. Wenn ich ehrlich bin, hat mich das Exotische der Branche gereizt. Aufgrund des derzeit geltenden Lotterierechts und des staatlichen Glücksspielmonopols gibt es ja nur eine begrenzte Anzahl von Lotterieunternehmen in Deutschland. Da ist es schon interessant bei einem dieser Unternehmen tätig zu sein. Ich finde auch, Menschen in ihren Träumen und bei deren Realisierung zu unterstützen, ist eine sehr reizvolle Aufgabe.

Lotto1

Auch Tage später noch Tränen

1984 begann ich neben meiner normalen Tätigkeit auch die Funktion des Gewinnerberaters auszuüben. In dieser Phase sah die Tätigkeit noch anders aus als heute: Damals füllten die Spieler ihre Scheine in der Regel noch mit der kompletten Adresse aus – viele gewannen dann und manche prüften ihren Spielschein nicht sofort, weil jeder wusste, dass er früher oder später ohnehin benachrichtigt würde. Da wir die Adressen hatten, mussten wir nicht warten, bis sich die Gewinner selbst melden, sondern konnten zu den Menschen nach Hause. Viele sind da natürlich völlig aus dem Häuschen geraten. Heute spielen die meisten Menschen anonym, das heißt wir erfahren häufig erst, wer der Gewinner ist, wenn er sich bei uns meldet.

Trotzdem bin ich oft derjenige, der ihnen die genaue Gewinnsumme mitteilt – und die schwankt dann zwischen mehreren Hunderttausend und mehreren Millionen, je nachdem wie viele Gewinner miteinander teilen müssen. Da erlebe ich immer wieder, dass Menschen Tage später noch Tränen vergießen, weil sie es erst dann wirklich glauben können, wenn ich vor der Tür stehe. Das sind sehr emotionale Momente, was man auch daran merkt, dass Menschen mir als Fremdem schon mal Ihr Leben ausbreiten oder über Fakten sprechen, die sie sonst kaum jemandem anvertrauen würden. In einer solchen Situation bin ich dann offenbar nicht irgendjemand, sondern eine Vertrauensperson. Dass Menschen mich an ihrem Glück teilhaben lassen möchten, kommt in nur ganz seltenen Ausnahmefällen vor. Das ist aber völlig in Ordnung, denn Geschenke – gleich welcher Art – will und darf ich natürlich nicht annehmen. Die Menschen sind ja gewissermaßen in einem psychischen Ausnahmezustand und ich rege in solchen Fällen an, später vielleicht einmal über eine Spende an bedürftige Menschen oder karitative Zwecke nachzudenken.

Lotto4

Überhaupt ist ein großer Teil meines Berufs die Beratung. Wie geht man mit einem großen Gewinn um? Was ändert sich jetzt? Wem erzählt man davon? Welche Gefahren lauern hinter dem Glückstreffer? Einer der wichtigsten Grundsätze, die ich den Gewinnern klarzumachen versuche, ist dass es extrem wichtig für sie und ihr Umfeld ist, dass niemand davon erfährt, dass sie gewonnen haben. Das jemandem klarzumachen ist manchmal schwieriger, in den meisten Fällen aber ganz leicht. Zahlreiche Probleme oder Fragen ergeben sich dann in den Gesprächen, die ich mit den Gewinnern führe und diese Fragestellungen sind in der Regel stark abhängig von der jeweiligen Lebenssituation. Ein junger Familienvater hat eine andere Lebensplanung und möchte daher andere Dinge besprechen als jemand, der kurz vor dem Rentenalter steht.

Frei von Neidgefühlen

Neben der psychologischen Beratung sind natürlich auch wirtschaftliche Fragen sehr wichtig. Hier will ich den Gewinnern vor allem nahe bringen, dass sie alle Entscheidungen gründlich überlegen sollen. Sie sollen seriöse Beratung in Anspruch nehmen, anstatt sich Menschen anzuvertrauen, die mit falschen oder unrealistischen Versprechungen locken. Um die Menschen in finanziellen Dingen vernünftig beraten zu können, ist mir eine fundierte Ausbildung hilfreich. Dass man über wirtschaftliche Zusammenhänge Bescheid weiß, sich mit marktüblichen Zinssätzen und Anlageformen sowie grundlegenden steuerlichen Fragen auskennt.

Ich muss mich aber auch in Menschen und ihre Lebenssituation hineinversetzen können. Das erfordert viel Fingerspitzengefühl, schließlich kenne ich die Menschen ja auch nicht, bevor sie mir die Tür aufmachen, das geht dann alles sehr plötzlich und verlangt schon ein Maß an gesundem Menschenverstand. Wichtig ist auch ein gewisser Abstand und Neutralität, die man wahren muss. Ich werde oft gefragt, ob ich denn keine Neidgefühle entwickeln würde – dabei ist mir so etwas völlig fremd. Ich freue mich vielmehr mit jedem Gewinner über das Glück, das er hatte, und es macht mich besonders glücklich, wenn durch die Gespräche erreicht wird, dass jemand das Geld ohne Probleme genießen kann. Zum Glück gibt es sehr selten Fälle, in denen sich Gewinner trotz intensiver Beratung nicht so verhalten, wie es für sie sinnvoll wäre. Das ist weniger erfreulich, aber ich kann ja niemanden zwingen, meinen Ratschlägen zu folgen. Meist spürt man schon in den ersten Gesprächen, ob jemand Ratschläge für sich annimmt oder sie sich nur oberflächlich anhört. Abgesehen von solchen Einzelfällen ist es aber eine Aufgabe, die mir großen Spaß macht. Ich stehe nie vor verschlossenen Türen, wie vielleicht jemand, der Kühlschränke oder Zeitschriften verkaufen muss, sondern sitze mit den Leuten auf ihrem Sofa, bekomme auch mal einen Kaffee angeboten und schaue in erwartungsvolle und leuchtende Augen.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeiger
Fotos: Mathias Irle

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5 Antworten to “Wie wird man eigentlich … Glücksbote, Herr Willers?”

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