Christoph Koch

Wollt grad sagen.

  • Archiv

  • Juli 2008
    M D M D F S S
    « Jun   Aug »
     123456
    78910111213
    14151617181920
    21222324252627
    28293031  
  • Seiten

Wie wird man eigentlich Geräuschesammler, Herr Hempton?

Posted by christophkoch - 8. Juli 2008

Gordon Hempton, 55, lebt im Olympic National Park in der Nähe von Seattle, bezeichnet sich selbst als „Soundtracker“ und nimmt Geräusche auf. Was anfangs als eine Leidenschaft für die Stille der Natur begann, wird inzwischen von Firmen wie Microsoft sehr gut bezahlt.

Gordon Hempton

Gordon Hempton

Ein Gehörsturz ist wohl das Schlimmste, was jemandem passieren kann, der sein Geld damit verdient, Geräusche zu sammeln. Vor etwa fünf Jahren hatte ich einen. Ich suchte zahlreiche Ärzte auf, die allesamt keinen Rat wussten, und es dauerte insgesamt 18 Monate, bis ich mein Gehör vollständig wiederhatte. In dieser Zeit war ich nicht nur arbeitslos und stand vor dem finanziellen Ruin, sondern war auch emotional völlig am Ende. Was sollte ich mit meinem Leben anfangen, wenn ich statt der Naturgeräusche, die ich so liebte, nur noch ein Pfeifen hören konnte?

Meine Leidenschaft für die Klänge der Natur entdeckte ich vor fast 30 Jahren – eines Nachts, als ich gerade mein Botanikstudium abgeschlossen hatte. Ich fuhr eine lange Strecke mit dem Auto über die nordamerikanische Prärie, wurde müde und beschloss, ein Nickerchen zu machen. Als ich mich neben meinem Auto in ein Feld legte, konnte ich jedoch nicht schlafen: Grillen zirpten, Vögel zwitscherten, Moskitos summten um mich herum, und in der Ferne grollte ein Gewitter. Es war, als hätte sich mir urplötzlich eine neue Welt erschlossen. Eine Welt, von der ich bisher nichts gewusst hatte. In den folgenden Jahren arbeitete ich als Fahrradkurier und steckte meine Wochenenden in Aufnahmeausflüge und mein Geld in teures Equipment. Ich kaufte mir beispielsweise ein Mikrofon, das damals 3.500 Dollar kostete und offiziell „Neumann KU-8i“ heißt. Aber ich nenne es Fritz.

Mit ihm bin ich inzwischen schon dreimal um die ganze Welt gefahren, immer auf der Suche nach Stille – die dann doch keine ist, sondern hinter der sich ein ganzer Kosmos von Klängen verbirgt. Fritz, mit dem ich zum Beispiel das Murmeln eines Baches oder das Klopfen eines Spechts aufnehme, hat die Form eines Kopfes und bildet das menschliche Gehör von der Ohrmuschel bis zu den kleinen Knöchelchen originalgetreu nach. Normalerweise wird damit die Akustik von Konzerthallen getestet. Für ein Projekt bereiste ich einmal sechs Kontinente, um die Morgendämmerung aufzunehmen. Wenn die Sonne aufgeht und die Natur erwacht, die Vögel zu singen beginnen und die Insekten mit ihren Flügeln schlagen, um sie zu trocknen, klingt das überall auf der Welt anders. Ich habe diese akustische Reise „Vanishing Dawn Chorus“ genannt und dafür einen Emmy gewonnen.

Es gibt immer weniger Orte, an denen die Welt noch so klingt, wie sie ursprünglich einmal war.

Mein Leben als Geräuschesammler war nicht immer leicht. Es hat sieben Fahrradkurierjahre gedauert, bis ich von meinen Aufnahmen leben konnte, anfangs war es nur ein sehr teures Hobby. Aber inzwischen arbeite ich für Museen wie das Smithsonian oder das American Museum of Natural History und für Firmen wie Microsoft. Diese schicken mich um die ganze Welt, um Geräusche aufzunehmen, die dann in Computerspielen oder Simulationen verwendet werden. Das sind nicht nur Geräusche der Natur, sondern zum Beispiel auch der Klang einer alten Dampflokomotive. Man kann meine Aufnahmen auch in Filmen hören – wie zum Beispiel dem Survival-Thriller „Überleben!“, für den ich Aufnahmen vom Wind in den Anden gemacht habe. Viele der Geräusche von Microsofts Multimedia-Enzyklopädie „Encarta“ stammen ebenfalls von mir. Dazu kommen CD-Verkäufe von meinen Aufnahmen, mittlerweile kann man sie sogar bei iTunes im Internet kaufen.

Man muss nicht mit einem besonderen Gehör geboren worden sein, um Geräuschesammler zu werden. Als ein Spezialist einmal meine Ohren untersuchte, stellte er fest, dass ich nur ein winziges Bisschen besser höre als der Durchschnitt. Viel wichtiger sind Geduld und der Wille, genau hinzuhören. Es gibt immer weniger Orte, an denen die Welt noch so klingt, wie sie ursprünglich einmal war – ohne Straßenlärm, Flugzeuge oder einen brummenden Stromgenerator in der Ferne. Man braucht eine starke Leidenschaft, diese Orte zu finden, und darf weder davor zurückschrecken, mitten in der Nacht aufzustehen, noch bei Wind und Wetter draußen zu sein. Als ich einmal einen ganzen Tag lang auf eine Elchherde gewartet habe, habe ich mir eine Lungenentzündung geholt. Das kann passieren. Aber wenn man dann am Ende das Schnauben der Elche, das Brummen des Windes in einem hohlen Baumstamm oder die Landung eines fallenden Blattes in perfekter Qualität festhalten konnte, ist das ein unbeschreibliches Gefühl.

Es gibt einen einfachen Test, um herauszufinden, ob man sich zum Geräuschesammler eignet: Leihen Sie sich ein gutes Mikrofon, ein Aufnahmegerät und Kopfhörer und gehen Sie damit in der Natur spazieren. Was passiert? Sind Sie aufgeregt und glücklich, lebendig zu sein, und wollen tiefer in diese Welt eintauchen? Wenn es nur „interessant“ war, ist es zu wenig, um daraus eine Profession zu machen.

Protokoll: Christoph Koch
Erschienen in: FAZ Hochschulanzeige
Foto: privat

Lesen Sie auch:

Wie wird man eigentlich Blogger, Malte Welding?

Wie wird man eigentlich Glücksbote, Herr Willers?

Wie wird man eigentlich Souffleuse, Elisabeth Müller?

Wie wird man eigentlich Minensucherin, Vera Bohle?

Wie wird man eigentlich Sternekoch, Vincent Klink?

Advertisements

2 Antworten to “Wie wird man eigentlich Geräuschesammler, Herr Hempton?”

  1. […] Wie wird man eigentlich Geräuschesammler, Herr Hempton? […]

  2. […] Wie wird man eigentlich Geräuschesammler, Herr Hempton? […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: